2009 traf Na Kamura den Berliner

Kunsthändler André Schlechtriem. Es folgten vier Ausstellungen in seiner Galerie, darunter eine Einzelausstellung ohne Namensnennung der Künstlerin, eine von ihr kuratierte Gruppenausstellung mit dem Thema Landschaftsdarstellung, begleitet von der Herausgabe einer Künstlerzeitung, und eine Einzelausstellung — Geometrie in LD. (Abk. für Landschaftsdarstellungen). In letzterer legte sie eine motivische und konstruktive Parallele zwischen Hokusai, Hiroshige und Friedrich unwissenschaftlich, aber erhellend offen.

2014 stellte sie im Oldenburger

Kunstverein eine Gruppe von Werken aus. Hierfür entnahm sie dem Aktbild Schlummernde Venus von Giorgione die horizontal-diagonale Geometrie und verwandelte diese in eine Art Anamorphose. Der Titel der Ausstellung » o lala, von was für glänzenden liebhabereien ich träumte « stammt eigentlich aus der Feder eines gewissen Dr. von Wense, der in einem Brief das berühmte Arthur Rimbaud-Gedicht Ma Bohême in seine Sprache hübsch und holprig übertrug. Zitat, Zitat: auch eine Art, den mächtigen Strom der Zeit malerisch zu bändigen, sagt Reinhard Rakow in seiner Rezension. Was sie interessiert, ist alles, was Menschen geschaffen haben. Landschaft, nüchtern betrachtet, gehört dazu, ein Konstrukt, dessen Strukturen sie mit dem analytischen — nicht dem romantischen — Blick des Künstlers wahrnimmt und wertet. Landschaftsmalerei, findet der, ereignet sich in geschichteten Ebenen. Deren Trennlinie, die Horizontale, also ist konstitutiv, sei sie geschwungen oder geschrägt.

 

* Zitiert in der Rimbaud-Biographie von Enid Starkie, Matthes & Seitz, München, 1990

Maki Na Kamura, Rückseite der Einladungskarte: „o lala, von was für glänzenden liebhabereien ich träumte“

Rückseite der Einladungskarte: „o lala, von was für glänzenden liebhabereien ich träumte“

In der Ausstellung Horizonte,

arco iris y horizonte im Bilbao Arte behauptete Na Kamura 2015, daß in einer Landschaftsdarstellung (in geschichteten Ebenen betrachtet) ein Horizont, ein Regenbogen und ein zweiter Horizont nicht unmöglich sind. Eine Behauptung, die ein bißchen exotisch klingt und aus einer fernen Zeit stammen könnte. Für Hokusai zum Beispiel, einen gefragten japanischen Illustrator der ersten Hälfte des 19. Jh., war eine horizontale Trennlinie, die vermeintlich die Erde vom Himmel trennt, unsichtbar. (So selbstverständlich es uns erscheint, sie in einer Landschaft zu finden, benötigt man dafür das  fotografische Sehen und Verstehen.) Was heißt, Hokusai hat sie in seiner Landschaft erst für sich erfinden müssen. Na Kamura, eine Künstlerin mit einer guten Kenntnis im fotografischen Sehen, kommentierte nur knapp dazu: Es gibt erst einen Horizont, seitdem ihn Maler so dargestellt haben.

Maki Na Kamura, Rückseite der Einladungskarte: Horizonte, arco iris y horizonte Foto: Jens Ziehe

Rückseite der Einladungskarte: Horizonte, arco iris y horizonte
Foto: Jens Ziehe

2015 reiste sie zur Art Basel und

hängte in der Galerie Knoell eine Auswahl von fortentwickelten Versionen ihrer Landschaftsdarstellungen. Carlo Knoell, der Galerist, und Na Kamura beschlossen, ihre erste Zusammenarbeit GASTAUFTRITT zu nennen. Das Datum auf der Einladungskarte verwies lediglich auf dessen Beginn: 15. Juni 2015 ~. Neben den Landschaftsdarstellungen in großem Format zeigten sie zwei dutzend gerahmte Papierarbeiten, auf denen jeweils ein seitlich dargestellter Schuh zu erkennen war. Schuhe, die nicht zum Tragen, sondern zum Sammeln geschaffen wurden — wieder eine Art öffentliches Selbstgespräch: Ob sie nun Kunstwerke sind, ob sie somit Teil des Kunstmarktes geworden sind? Kompositorisch erinnern Na Kamuras Schuhe an die schönen Damenschuhe von Andy Warhol, die angeblich sein Broterwerb waren. Doch die ihren sind wenig illustrativ. Sie sind malerisch. Wären es Stillleben, so würde man jedoch die Andeutung einer Fläche vermissen, auf der diese Schuhe stehen, also existieren könnten. Der Horizont ist verwischt, wie auch auf ihren neuen Landschaftsdarstellungen, die betitelt sind wie . SS 1, . SS 2 usw., eine Abkürzung für Shan shui (Berg-Wasser-Malerei), die traditionelle chinesische Landschaftsdarstellung. Felsblöcke schweben. Figuren schweben. Schuhe schweben. … oder ist es nur das, was ein Betrachter mit festem Glauben an den einen Horizont sehen will?

September 2015, Paul Maria Ludwig

 

 

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